Vor rund einem Jahr haben wir das Forschungsgrüppli Solidarische Katastrophenpolitik gestartet – von Anfang an als auf ein Jahr angelegtes Vorhaben. Ausgangspunkt war eine einfache Beobachtung: Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit Klimakrise, Kollaps, und der Möglichkeit tiefgreifender Umbrüche. Gleichzeitig fehlen oft Räume, in denen darüber gemeinsam nachgedacht werden kann, jenseits von Katastrophismus, Verdrängung oder einfachen Antworten.
Viele Personen hatten damals Interesse bekundet, konnten aber aus Zeitgründen nicht regelmässig teilnehmen. Diesen Menschen – und allen anderen Interessierten – möchten wir mit diesem Beitrag einen Einblick geben, was im vergangenen Jahr entstanden ist, welche Fragen uns beschäftigt haben und wie es weitergeht.
Über Kollaps sprechen
Im Zentrum unserer Treffen und dem letzten Jahr stand weniger die Suche nach fertigen Antworten, als die gemeinsame Auseinandersetzung mit schwierigen Fragen. Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Kollaps sprechen? Wie lassen sich Katastrophen nicht nur als Ausnahmezustände, sondern als politische und soziale Prozesse begreifen? Welche Strategien brauchen soziale Bewegungen in Zeiten multipler Krisen? Und was könnte eine solidarische Form des “Preppens” sein?
Dabei ging es nicht nur um Analyse, sondern auch um die emotionale Dimension dieser Fragen: den Umgang mit Unsicherheit, Verlust, Angst oder Ohnmachtsgefühlen. Für manche bedeutete dies, sich erstmals ernsthaft mit der Möglichkeit gesellschaftlicher Brüche auseinanderzusetzen. Für andere stand die Frage im Vordergrund, wie aus dieser Auseinandersetzung politische Handlungsfähigkeit entstehen kann.
Eine der wichtigsten Erfahrungen des Jahres war vielleicht, dass Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was Kollaps bedeutet. Gerade deshalb braucht es Räume, in denen diese Unterschiede sichtbar werden, gemeinsam reflektiert und produktiv diskutiert werden können.
Workshops, Diskussionen und Begegnungen
Im Laufe des Jahres sind verschiedene Formate entstanden, die diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven aufgegriffen haben.
Im Zusammenhang mit den ersten Aktivitäten und dem Zusammenfinden des Forschungsgrüpplis war dabei die Lesereise von Tadzio Müller besonders wichtig, in deren Rahmen wir gemeinsam mit Payal Parekh mehrere Veranstaltungen durchführen konnten. An dieser Stelle möchten wir Payal herzlich für ihr Engagement, ihre Zeit und Impulse danken, die diese Veranstaltungen überhaupt erst möglich gemacht haben. [LINK ZUM BUCH VON TADZIO] [LINK/ZUSATZINFO ZU PAYAL]
Zu diesen Veranstaltungen gehörten ein Workshop zu solidarischem Preppen mit Tadzio und einigen Personen aus dem Forschungsgrüppli sowie eine öffentliche Podiumsdiskussion. Beide Formate griffen zentrale Fragen auf, die uns auch darüber hinaus im vergangenen Jahr beschäftigt haben: Wie können wir angesichts sich verschärfender Krisen handlungsfähig bleiben? Welche Formen gegenseitiger Unterstützung und kollektiver Vorbereitung sind notwendig? Und wie lassen sich Angst, Unsicherheit und Ohnmacht nicht verdrängen, sondern als Ausgangspunkt für solidarisches Handeln ernst nehmen? Insbesondere die Podiumsdiskussion stand unter der Frage, wie wir als Bewegungen und Aktivist solidarisch und handlungsfähig durch herausfordernde Zeiten kommen können.
Diese Fragen wurden auch in einem Workshop zu “Just Collapse” an der RE Summer School aufgegriffen, der unter anderem eine Diskussion zu verschiedenen Theorien des Wandels in Zeiten des Umbruchs beinhaltete (erarbeitet vom Kipppunkt-Kollektiv[LINK ZUM KIPPPUNKT-KOLLEKTIV]).
Bei der Tour de Lorraine unterstützten wir Sam bei seinem Workshop „Solidarisch in der Metakrise“ ([LINK ZUM WORKSHOP]). Auch am ersten Kollapscamp ([LINK ZUM KOLLAPSCAMP]) waren Personen aus dem Forschungsgrüppli beteiligt.
Neben diesen öffentlichen Veranstaltungen fanden über das Jahr hinweg verschiedene interne Treffen statt in denen laufende Fragen vertieft und neue Vorhaben entwickelt werden konnten. Oft waren es gerade diese kleineren Formate, die Raum für vertiefte Diskussionen, gemeinsames Lernen und das Ausprobieren neuer Ideen boten.
Entstandene Arbeitsstränge
Aus den Diskussionen entwickelten sich verschiedene Untergruppen und Projekte.
Die Arbeitsgruppe Migration arbeitete an einem Glossar sowie an einem Strategiepapier. Die Bildungsgruppe begann mit der Vernetzung von Personen und Organisationen im DACH-Raum, unter anderem mit Teachers for Future. Eine weitere Gruppe entwickelte ein Zine, das Organisationen und politischen Gruppen dabei helfen soll, unterschiedliche Vorstellungen von Kollaps sichtbar zu machen und darüber ins Gespräch zu kommen.
Darüber hinaus entstand eine Lokalgruppe in Esslingen (Deutschland), die einige der Diskussionen in ihrem lokalen Kontext weiterführt.
Diese Projekte befinden sich in unterschiedlichen Stadien. Gemeinsam ist ihnen, dass sie weniger als abgeschlossene Produkte verstanden werden, sondern als laufende Versuche, die Debatten um Kollaps, Katastrophenpolitik und Solidarität praktisch weiterzuführen.
[ERGÄNZUNGEN ZU DEN EINZELNEN PROJEKTEN]
Was wir mitnehmen
Wenn wir auf das vergangene Jahr zurückblicken, bleibt vor allem eine Erkenntnis: Es gibt ein grosses Bedürfnis nach Räumen, in denen über gesellschaftliche Krisen und mögliche Brüche gesprochen werden kann, ohne sofort in Resignation, Zynismus oder technokratische Lösungsversprechen zu verfallen.
Wir haben erlebt, wie produktiv Diskussionen werden können, wenn Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen einen gemeinsamen Ausgangspunkt finden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass «Kollaps» kein einheitlicher Begriff ist. Er kann ökologische Kipppunkte, institutionelle Krisen, soziale Fragmentierung oder autoritäre Reaktionen auf Katastrophen bezeichnen. Er kann aber auch Anlass sein, über Solidarität, gegenseitige Unterstützung und neue politische Strategien nachzudenken.
Vielleicht war eine der wichtigsten Erfahrungen des Jahres, dass bereits viel Wissen, viele Intuitionen und viele politische Bewegungen existieren – aber noch zu wenige Orte, an denen diese zusammenkommen.

